Bericht Spanish Harlem Orchestra, Gasteig, 23.04.08

Die Erfahrung zeigt uns, dass Konstellationen, die anfänglich widersprüchlich erscheinen, im Nachhinein oft nur noch scheinbar so sind, auch wenn sie sich dabei nicht immer in Harmonie auflösen. Ein Beispiel, bei dem diese Auflösung nicht gelungen ist, lieferte das Konzert des Spanish Harlem Orchestra in der Philharmonie im Gasteig. Bewunderns- und lobenswert erschien die Initiative eines größeren Konzertveranstalters, der sonst eher dafür bekannt ist, das breitere Klassikpublikum zu bedienen. Vor mehreren Monaten war bekannt geworden, dass dieser Veranstalter die Truppe aus New York in Deutschland auf Tour schicken würde. War doch zum einen das erste Konzert im Oktober 2005 in der Muffathalle eher von bescheidener Resonanz gekrönt, und ist zum anderen der Münchener Kulturtempel an der Rosenheimerstraße nicht gerade als Hort für Publikum mit Bewegungsdrang bekannt. Das Spanish Harlem Orchestra ist zurzeit auf Welttournee und wird dabei oft in Konzerthallen geschickt, die sonst der klassischen Sparte vorbehalten sind. Die Band scheint sich damit arrangiert zu haben, vor einem hauptsächlich zuhörenden Publikum zu agieren. Wer zudem im Opernhaus von Sydney und noch mal vor Ort vor 100 000 Zuschauern aufgetreten ist, der braucht fürwahr mentale Flexibilität, um vor einem Häuflein Sitzender eine gute Figur abgeben zu wollen. Nach Ansage von Oscar Hernandez, dem Chef der Truppe, war man sicherlich beeindruckt, vor derartigen Kulissen in der südlichen Hemisphäre gespielt haben zu dürfen. Vermutlich war das der erste Auftritt eines Latinorchesters in diesem architektonischen Wahrzeichen. Auf dieser und anderen Stationen der Tournee mag die Rechnung der Kombination feiner Latinklänge in renommierten Tempeln klassischer Musik aufgegangen sein. In München ist sie gescheitert. Das lag nicht daran, dass der Gasteig nun mal nicht mit der „schwangeren Auster“ von Sydney vergleichbar ist. Es zeigte sich einmal mehr, dass einfach zu wenig Publikum da ist, dass bereit ist, für ein solches Konzert den vergleichbaren Preis wie für ein klassisches Orchester ähnlicher Güte zu bezahlen. So war der Gasteig mäßig gefüllt, wohl zu wenig, dass der Veranstalter noch einmal diesen Spagat machen wird. Das Spanish Harlem Orchestra nutzte die Gelegenheit, ein wenig stärker in die Latinjazzkiste zu greifen, die sie genauso vorzüglich zu bedienen wissen, wie die tanzbaren Abteilungen der Salsa, Mambo, Cha-cha-cha, Rumba und Bolero. Routiniert, aber nicht gelangweilt, lieferten sie ein gutes Konzert ab. Dass sie was für ihre Fans übrig haben, zeigten die spontanen Fotosessions nach Auftrittsende am Bühnenrand. Wer weiß, bei vollem Haus wäre das vielleicht nicht drin gewesen. Denen, die da waren, gefiel es. Vielleicht zeigen die Fotografen ihre Bilder weiter und beim nächsten Mal füllt sich der Raum besser. Nur wird es dieses nächste Mal in dieser Konstellation wohl nicht mehr geben. Schade!

Stephan
(alias el misionario)

Zu den Fotos:

gal/Salsa-Events-Konzerte-Festival/2008/20080423_Spanish-Harlem_Gasteig-Muenchen/20080423_Spanish-Harlem_Gasteig-Muenchen_01.jpg